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Vom geschriebenen Wort zur Stimme:
Wie Hörbücher gemacht werden

Viele Menschen lesen Bücher, ohne ihre Augen zu benutzen. Sie hören ihnen einfach zu. Und das sind nicht wenige: 5,2% der Bevölkerung tut dies mindestens einmal im Jahr, 79 % mehr als noch vor zwei Jahren. Verlage wie Penguin Random House, Planeta oder Ediciones Maeva produzieren ihre eigenen Hörbücher und vertreiben sie über ihre Websites oder über spezialisierte Plattformen wie Storytel, Audible oder Ivoox, um nur einige zu nennen. 

Das Schlüsselelement zu einem Hörbuch ist das gesprochene Wort, ohne jeglichen Schmuck. Mit Ausnahme einiger Kinder- und Jugendbücher haben die meisten Hörbücher keine Soundeffekte, und es gibt nur wenige Fälle, in denen mehr als eine Stimme zu hören ist. Angesichts dieser Einschränkungen ist es wichtig, den richtigen Sprecher oder  Sprecherin zu finden.

Die erste große Frage für die Verleger ist das Geschlecht des Erzählers. Wenn die Geschichte in der ersten Person erzählt wird, ist die Wahl einfach: Ein männlicher Erzähler wird eine männliche Stimme haben, und dasselbe gilt, wenn die Erzählerin eine Frau ist. 

Anders verhält es sich bei Geschichten in der dritten Person. Die Verleger entscheiden sich in der Regel dafür, das Geschlecht des Sprechers mit dem des Autors übereinstimmen zu lassen, um den Eindruck zu verschaffen, dass der Zuhörer dem Autor zuhört. Dieser Effekt, wird heute auf die direkteste Art und Weise erreicht, da es zwar noch nicht viele, aber bereits Autoren gibt, die ihren Worten die eigene Stimme geben. Zum Beispiel: Elvira Lindo, Isabel Allende, Elvira Sastre, Andrés Neuman und Marta Sanz, um nur einige zu nennen.

Ein Produkt der Teamarbeit

Obwohl ein Großteil der Entwicklung eines Hörbuchs von der Person geleistet wird, die den Text spricht, begleitet von einem Mikrofon und einem Tablet, gibt es ein kleines Team von Personen, die an anderen Phasen des Prozesses beteiligt sind: der Tontechniker, der bei der Aufnahme hilft, der Cutter, der für das Entfernen von Atemgeräuschen und den sauberen Tonschnitt zuständig ist, der Lektor des Verlags, der das Hörbuch überprüft, und eine Figur, die nicht immer in Erscheinung tritt, die aber entscheidend ist, wenn sie es tut: der Regisseur.

Elena Silva ist Synchronsprecherin, Sprecherin, Regisseurin, Lehrerin und Gründerin des Studios La habitación con una cama. Als Regisseurin hat sie die Aufgabe, den Erzähler für die Aufnahme vorzubereiten und die Persönlichkeit der Figuren und den Ton der Geschichte zu vermitteln. „Der Regisseur ist dazu da, den Erzähler zu leiten, ihm zu sagen: ‚Mach nicht so schnell‘ oder ‚Sei nicht traurig, da deine Figur das noch nicht wissen kann‘. Wir gehen sehr sorgfältig mit der Darstellung um.”

Seite aus Das goldene Notizbuch von Doris Lessing, mit Anmerkungen und farbig markierten Figurentexten. Quelle: Elena Silva.

Aufnahme eines Hörbuchs

Um eine Stunde Erzählzeit aus einem Buch herauszuholen, braucht man in der Regel doppelt so viel Zeit oder sogar mehr. Für ein 10-stündiges Hörbuch hätte man leicht 20 oder mehr Aufnahmestunden benötigt. Hinzu kommen die Vorbereitungen vor der Aufnahme und die Tonbearbeitung sowie eventuelle Überarbeitungen, die auf Anregung des Lektors des Verlags vorgenommen wurden.

„Das große Problem des Hörbuchs ist, dass es ein Buch ist. Es ist nicht dafür geschaffen, mit der Stimme verbalisiert zu werden, sondern im Kopf gelesen zu werden“, sagt Ángel G. Morón, Sprecher, Synchronsprecher und Professor an der Universidad Rey Juan Carlos und auch bei Atresmedia Formación, wo er Hörbuchsprecher unterrichtet.

Für Morón sind manche Genres einfacher als andere. Die Nebensätze, die manche Essays bevölkern, erschweren die gesprochene Fassung. Romane sind in der Regel einfacher, sofern sie eine angemessene Anzahl von Figuren haben, da die meisten Hörbücher von einem einzigen Sprecher gestaltet werden, der alle Rollen spricht.

Die Schwierigkeit hängt aber auch von Umständen ab, auf die der Autor keinen Einfluss hat. Ángel erzählt, wie er einmal in einem Dialog auf einen „andé“ (fehlerhafte Form des Verbs ‘andar’, gehen) stieß. Da das Wort in einem belanglosen Gespräch auftauchte und es keinen Sinn ergab, dass es die Figur charakterisierte, wandte sich der Erzähler an die Vorgestzte des Stücks. Zuerst sagte sie ihm, er solle es so aufnehmen, was Morón auch tat, aber später bat sie ihn, das Wort zu korrigieren, da es sich um einen Übersetzungsfehler handelte. „Bis zu diesem Punkt muss man die Buchstäblichkeit respektieren“, sagt Morón.

Der Text ist heilig… fast immer

Es gibt andere Fälle, in denen die Verlage bei ihren Hörbüchern mehr Spielraum lassen. Diese Ausnahmen sind zulässig, wenn der Autor des Werkes ein Spiel vorschlägt, das im Buch Sinn macht, aber nicht in das gesprochene Wort übertragen werden kann. 

Elena Silva berichtet von einer komplexen Szene als sie an Papel y tinta (in Deutschland als Die Journalistin bei Goldmann herausgegeben) der Autorin María Reig arbeitete, mit 28 Stunden eines der längsten Hörbücher, die sie je aufgenommen hat. Da haben wir die Hauptfigur, die Französisch lernt, und eine andere wichtige Figur, ein Franzose. Beide treffen sich auf einer Veranstaltung für Spanier, die der Sprache Napoleons nicht besonders mächtig sind. An einer Stelle beschließt die männliche Figur, der Protagonistin ein Vertrauen zu schenken, und zwar auf Französisch, um die Geheimhaltung zu gewährleisten. Die Autorin hat im Buch die Botschaft auf Französisch geschrieben, und die spanische Übersetzung als Fußzeile hinzugefügt, was bei einem Hörbuch unmöglich ist. „Da diese Information nicht verloren gehen durfte, haben wir es so gelöst, dass die Figur ihr die Nachricht auf Spanisch zuflüstert“, erklärt Silva.In anderen Fällen macht der Autor des Werks den Sprechern das Leben schwer. So zum Beispiel bei Laura Gallegos La emperatriz de los Etéreos (in Deutschland als Die Kaiserin des Blauen Lichts bei dtv herausgegeben), wo es hieß, eine der Figuren habe eine „nicht-menschliche Stimme und spreche in Strömen“. „Wir fügten eine Menge Zischen hinzu, weil die Figur aus Wasser besteht (es ist ein Fantasy-Genre-Buch), und da konnten wir einen Soundeffekt zugeben.

In Enyd Blytons Buch Santa Clara 1. Die Zwillinge wechseln die Schule, wird von Lacrosse gesprochen, eine wenig bekannte Sportart, die als Fußzeile erklärt wird. Die Lösung für das Hörbuch bestand darin, eine kurze Definition in den Dialog aufzunehmen. Quelle: Elena Silva.

Sowohl Silva als auch Morón sind sich einig, dass eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Sprechers darin besteht, das gelesene Wort zu meiden. „Ein Hörbuch wird nicht gelesen, sondern erzählt“, erklärt Morón. „Ich sage es immer in meinen Kursen: Wir kommen hierher, um mit dem Lesen aufzuhören. Wir werden das Vorlesen verlernen und lernen, wie man Dinge erzählt“.

Für Morón ist jeder in der Lage, einen Text zu verbalisieren, aber er muss drei Voraussetzungen erfüllen. „Sie dürfen keine Probleme mit der Diktion haben, eine mehr oder weniger angenehme Stimme haben und vor allem die menschliche Fähigkeit mögen, Dinge zu erzählen und wahrheitsgetreu wiederzugeben“.